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2.10 Regeln der Baukunde, Normen und Empfehlungen

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2.10.1 Beeinflussung der Anforderungen

Die Anforderungen, die an die Gebäudehülle und damit auch an einzelne Bauteile, welche die Gebäudehülle bilden, gestellt werden, haben sich im Verlaufe der Zeit ständig verändert und werden auch in Zukunft neuen Gesichtspunkten und veränderten Randbedingungen anzupassen sein. Die Parameter, welche die zu stellenden Anforderungen beeinflussen, sind enorm vielschichtig und basieren weitgehend auf den in den Kapiteln 2.1 bis 2.9 beschriebenen Kriterien.

Nutzung

  • Raumklimatische Bedingungen (Raumlufttemperatur, relative Raumluftfeuchtigkeit, Oberflächentemperaturen, Luftwechsel).
  • Lärmempfindlichkeit (Schalldämmvermögen).
  • Raumakustische Bedürfnisse (Schallabsorption, Nachhallzeit).
  • Beleuchtung (natürliche und künstliche).

Gebäudestandort/Exposition

  • Aussenklima (Lufttemperatur, Luftgeschwindigkeit, Feuchtigkeit und Niederschläge, Frost, Sonneneinstrahlung).
  • Lärmbelastung (Schallschutz- bzw. Lärmschutz).

Angrenzende Räume/Medien

  • Aussenklima (Aussenluft, Erdreich, Grundwasser).
  • Klima in benachbarten Räumen (nicht beheizt, gekühlt).

Bauteil/Funktion

  • Fenster (Belüftung, Belichtung, Durchsicht).
  • Flachdach (wasserdicht, beschränkt begehbar, begehbar, begrünt, befahrbar).

Statische Funktion

  • Tragende Bauteile (Dächer, Decken, Bodenplatten, Aussen- und Innenwände).
  • Nicht tragende Bauteile (ausfachende Aussenwände, Trennwände).

Energie und Umwelt

  • Wirtschaftlichkeit (Energiepreis, Kosten/Nutzen).
  • Umweltschutz (Schonung von Energieressourcen, Schadstoffemission).
  • Ökologie (ganzheitliche Betrachtungsweise, Umwelteinflüsse von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung).

2.10.2 Bauphysikalische Anforderungen

Die Bauphysik hilft, die relevanten, auf ein Bauwerk einwirkenden Einflüsse zu erkennen und entsprechende Beurteilungskriterien und Anforderungen zu definieren.

Die Bauphysik nimmt konkret Stellung zu Themen wie klimatische Randbedingungen, Wärmeschutz, Energie, Lärm- und Schallschutz, Luftaustausch und Luftdichtigkeit, Feuchtigkeit, Brandschutz, Tageslicht und trägt damit wesentlich zur fachgerechten Konstruktion der Gebäudehülle bei. Die Bauphysik gibt keine Konstruktionsrezepte vor, sondern zeigt physikalische Gesetzmässigkeiten für Vorgänge auf, welche im oder um das Gebäude ablaufen. Bei der Konstruktion und Ausführung von Neubauten oder der Sanierung bestehender Bauten ist es wichtig, diese Gesetzmässigkeiten zu kennen und deren Einflüsse auf die Konstruktion zu beachten. Bauphysik als angewandte Physik am Gebäude soll ein integrierender Bestandteil der Denkweise von Architekten und Bauingenieuren sein; das heisst, zur Lösung eines spezifischen Bauproblems müssen alle bauphysikalischen Aspekte miteinbezogen werden.

Auch dieses Fachbuch berücksichtigt die bauphysikalischen Gesetzmässigkeiten, wie sie in den Fachbüchern aus der Schriftenreihe «Bau und Energie» im vdf Hochschulverlag, Zürich, als Grundlage festgehalten sind:

  • «Physikalische Grundlagen» von H. Moor
  • «Bauphysik» von Ch. Zürcher und Thomas Frank

2.10.3 Regeln der Baukunde

Regeln der Baukunde sind Grundsätze, die sowohl von der Bauwissenschaft als auch der Baupraxis als allgemein gültig anerkannt werden. Es sind Grundsätze, welche zum allgemein vorausgesetzten Wissen von jedem auf seinem Fachgebiet tätigen Baufachmann zählen.

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass die von Fachverbänden und Vereinigungen (z.B. dem SIA) herausgegebenen Normen, Richtlinien und Merkblätter einen wesentlichen Teil des anerkannten Wissens der Baubranche enthalten. Weil jedoch mit der bautechnischen Forschung der Stand der Technik und, als Ausfluss davon, auch die anerkannten Regeln der Baukunde sich laufend ändern, sind neben den Normen und Richtlinien auch die innert kürzeren Zeitperioden verfügbaren Erkenntnisse aus Fachartikeln und aus Publikationen der Material- und Systemlieferanten zu berücksichtigen.

Beispiel «Luftdichtheit der Gebäudehülle»

  • Die Luftdurchlässigkeit der Gebäudehülle war schon seit geraumer Zeit von Bedeutung. Bekannt ist das Ausstopfen von Ritzen und Fugen mit Moos und Lehm im Holzbau. Auch grossflächige, gestemmte Holzverkleidungen hatten den Zweck, hohe Luftdurchlässigkeit zu verhindern.
  • Mit der Massivbauweise in Backstein oder Stahlbeton, mit Betondecken gegen kalte Estrichräume oder mit Flachdächern trat, abgesehen von den Fugen bei den Fenstern, die Problematik der Luftdichtheit etwas in den Hintergrund.
  • Das Problem der Luftdichtheit wurde vor allem im Zusammenhang mit wärmegedämmten Leichtbaukonstruktionen, insbesondere dem Steildach über ausgebauten Dachgeschossräumen, neu erkannt.
  • Erste Hälfte der 80er-Jahre: verschiedene Fachartikel zum Thema Luftdichtheit, insbesondere im Zusammenhang mit wärmegedämmten Steildächern, und erste Hinweise von Systemlieferanten zur erforderlichen luftdichten Ausbildung der Dampfbremse.
  • 1. März 1988: die in Kraft gesetzte Norm SIA 238 «Wärmedämmung in Steildächern» definiert Anforderungen an eine Luftdichtheitsschicht.
  • 1. Juni 1988: gemäss überarbeiteter Norm SIA 180 muss die Gebäudehülle möglichst dicht sein und es werden provisorische nL,50-Grenzwerte, zur Beurteilung der Luftdurchlässigkeit der Gebäudehülle, definiert.

Bereits seit Mitte der 80er-Jahre kann das luftdichte Ausbilden von wärmegedämmten Leichtbaukonstruktionen, insbesondere des Steildachs, als Regel der Baukunde betrachtet werden, obwohl dieses Gedankengut erst 1988 in die Normen aufgenommen wurde.

Die Gebäudehülle und die relevanten Bauteile müssen vielfältigen Einflüssen standhalten und hohen Anforderungen genügen.
Bild 2.10.1: Die Gebäudehülle und die relevanten Bauteile müssen vielfältigen Einflüssen standhalten und hohen Anforderungen genügen.

2.10.4 Normen und Empfehlungen

Der SIA definiert mittels Normen und Empfehlungen die Regeln der Baukunde. Aber auch Merkblätter und Dokumentationen des SIA oder anderer Fachverbände definieren den jeweiligen Stand der Bautechnik. Die Zusammenstellung in Bild 2.10.3 gibt einen Überblick über relevante Normen und Empfehlungen des SIA (Stand Juli 2015).

Von der wissenschaftlichen Forschung zur Regel der Baukunde.
Bild 2.10.2: Von der wissenschaftlichen Forschung zur Regel der Baukunde.

Bild 2.10.3: Überblick über relevante Normen und Empfehlungen des SIA, welche die Gebäudehülle betreffen.

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2018-09-24T12:56:39+00:00
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