Ostermundigen ist eine Gemeinde im Osten Berns, die für Aussenstehende durchaus als Teil der Bundesstadt wirkt. Die Gegend ist mit Bus und S-Bahn leicht erreichbar, sämtliche Möglichkeiten für Einkaufen, Schulen und Dienstleistungen sind gegeben, das Stadtzentrum liegt quasi vor der Tür. Eine Wohngenossenschaft hat mit dem Architekten Peter Schürch als Projektleiter auf dem am Rand des Naherholungsgebiets «Ostermundigenberg», einem bewaldeten Hügel mit geschichtsträchtigem Steinbruch, eine Holzsiedlung geplant und realisiert, die in manchen Belangen anders ist als andere Neubausiedlungen.

Das Planungskonzept für diese «Oberfeld» genannte Parzelle nimmt die Besonderheit des Ortes auf. Er liegt an der Schnittstelle zwischen gesichtslosen Wohnquartieren nahe dem dichten Wald und bietet einen weiten, offenen Ausblick, profitiert von der Abendsonne. Die Siedlung ist in differenzierte Hofbauten und grosszügige Aussenräume geteilt und mit Sorgfalt an die ursprüngliche Hangneigung angepasst. Diese Aussenräume bieten sowohl Intimität wie Gemeinschaft. Das Planungskonzept zeigt exemplarisch, wie sich ein innovatives Energiesystem mit natürlichen Materialien und ohne motorisierten Individualverkehr zur zukunftsweisenden Wohnform verbinden lässt, ohne auf Komfort zu verzichten.

 

ObjektdatenGebäude AGebäude B1-B3Gebäude C
Baujahr201420142014
StandortOstermundingenOstermundingenOstermundingen
Anzahl Wohnungen100100100
Grundstücksfläche11076 m211076 m211076 m2
Gebäudevolumen SIA 4168911 m323770 m314272 m3
Energiebezugsfläche (korrigiert) EBF2281 m25345 m23757 m2
Gebäudehüllziffer1,251,351,13
Gebäudehüllfläche (unkorrigiert)3000 m27500 m24500 m2
Anteil Fenster und Türen an der Gebäudehüllfläche28,0 %18,5 %30,0 %
Heizwärmebedarf SIA 380/1 (2009)19,7 kWh/(m2a)21,1 kWh/(m2a)32,2 kWh/(m2a)
Energieverbrauch Wärme (Heizung und Warmwasser)31,7 kWh/(m2a)32,6 kWh/(m2a)20,3 kWh/(m2a)
LabelMinergie-P (Eco angestrebt)Minergie-P (Eco angestrebt)Minergie-P (Eco angestrebt)
ProjektverfasserHalle 58, Peter SchürchHalle 58, Peter SchürchHalle 58, Peter Schürch

Gemeinschaftsgedanke und individuelle Lebensformen

Die Siedlung Oberfeld umfasst 100 Wohnungen mit nur zehn Parkplätzen für die Besucher, bietet jedoch eine Einstellhalle für 480 Fahrräder inklusive einer Velo-Werkstatt und entsprechendem Waschplatz für die Drahtesel. Eine Mobility-Station liegt vor der Tür, eine Solartankstelle ist vorgesehen. Sämtliche Bewohner verzichten auf ein Auto. Sie waren von Beginn an in die Planung mit einbezogen worden, über acht Themengruppen konnten die zukünftigen Bewohner mitentscheiden. Gemeinsam nutzen die Bewohner nun Atelier- und Büroräume sowie einen künftigen Musik- und Werkstattraum und die sogenannte «Skylounge» mit Küche und Terrasse im nord-westlichen Gebäude.

Effizientes Energiekonzept als moderne Lebensform

Knapp die Hälfte der Wohnungen ist mit Familien belegt, in den übrigen leben Wohngemeinschaften, Paare und Singles, Alte und Junge, Mieter und Eigentümer. Allen ist gemeinsam, dass sie klimapolitisch der Schweizer Durchschnittsbevölkerung um Jahrzehnte voraus sind: Es fällt ihnen leicht, die persönlichen Treibhausgasemissionen auf weit unter die Hälfte des üblichen Pro-Kopf-Verbrauches zu senken. Die Holzbau-Siedlung erfüllt Minergie-P (Minergie-Eco ist angestrebt) und orientiert sich an der 2000-Watt-Gesellschaft. Eine Wohnung im Oberfeld verbraucht nur halb so viel Energie wie eine herkömmlich gebaute neue Wohnung und sogar weniger als ein Viertel einer Altwohnung.

Auf den Dächern sind rund 1000 m2 hybride Solarkollektoren installiert. Sie produzieren zugleich Strom und Wärme. Die Anlage ist mit einem Erdsondespeicherfeld verbunden, das im Sommer gewonnene Energie für den Winter bewahrt. Die Wohnsiedlung Oberfeld ist die erste grössere Überbauung in der Schweiz, die mit einer derartigen Anlage energetisch versorgt wird.

 

Abbildung 141: Hofbauten und differenzierte Aussenräume prägen die Siedlung. (Bild: Christine Blaser).

Werkstoffe aus der Natur

Eingesetzt sind beständige, natürliche Materialien, zu deren Herstellung möglichst wenig graue Energie benötigt wurde. Bereits bei der Planung wurde an einen allfälligen Rückbau und an die Rezyklierbarkeit der Baumaterialien gedacht. Die Fassade weist 40 cm Dämmung mit einer Holzverkleidung auf. Das Dach ist eine leicht geneigte Holzkonstruktion und teilweise extensiv begrünt. Die Wohnungen sind als Holzrahmenbau mit Holz-Beton-Verbunddecken erstellt. Die betonierten und unbeheizten Treppenhäuser sind konstruktiv vom beheizten Wohnraum getrennt.

Auch für den Innenausbau kamen natürliche Materialien zum Einsatz. Die Wände sind mit Gipsfaserplatten verkleidet und mit Kalkputz versehen, die geölten Unterlagsböden bestehen mehrheitlich aus Anhydrit. Nebst ihrer Natürlichkeit erzeugen diese Materialien auch ein komfortables Wohnklima: Sie nehmen Feuchtigkeit aus der Luft gut auf und geben diese wieder ab, ein Effekt, der gerade bei derart hochgedämmten Gebäuden wesentlich ist.

Selbstverständlich ist im Oberfeld auch die wirtschaftliche Dimension der Nachhaltigkeit berücksichtigt. Die Siedlung ist kein gewinnorientiertes Projekt, die Wohnbaugenossenschaft gibt die Wohnungen zu Selbstkostenpreisen ab. Insgesamt hat diese Wohnform einen Vorbildcharakter, der ohne erhobenen Zeigefinger klar zeigt: Umweltverträgliche Bauweise verzichtet weder auf Komfort noch auf moderne Lebensgewohnheiten. (Charles von Büren, Bern)

 

Abbildung 142: Längsschnitt durchs Haus B mit der spektakulären «Sky Lounge» im 3. OG.

 

Abbildung 143: Die Siedlung Oberfeld in Ostermundigen mit Haus A (links), dem U-förmigen Haus B und Haus C (unten).

 

Abbildung 144: 1000 m2 hybride Solarkolletoren produzieren Strom und Wärme. (Bild: Christine Blaser).

 

Abbildung 145: Das Bild der Westfassade der Siedlung Oberfeld zeigt eindrücklich die Holzkonstruktion und die durchgehend offenen Balkone (Bild: Christine Blaser).

 

Abbildung 146: Schnitt durch Aussenwand mit den typischen Balkonen und der Velo­garage.

 

Abbildung 147: 1. Obergeschoss.

 

Abbildung 148: Dachgeschoss.

 

Abbildung 149: Situation.