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3.7 Wasserdampfdiffusion durch Baukonstruktionen

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3.7.1 Dampfdiffusion in der Luft

Bestehen in der Luft Zonen unterschiedlichen Wasserdampfpartialdruckes, so findet aufgrund des Fick ’schen Gesetzes eine Wanderung der Dampfmoleküle in Richtung geringerer Konzentration statt.

Dampfdiffusion im Druckgefälle
Abbildung 3.15: Dampfdiffusion im Druckgefälle

Dabei ist der Dampfdruckgradient die treibende Kraft (analog zum Temperaturgradienten als Ursache für den Transport von Wärmeenergie durch Wärmeleitung!).

(3.11)

→ Dampfstromdichte:

(3.12)

Die sog. Dampfleitfähigkeit der ruhenden Luft δa ist gleich der Wassermenge in mg, die pro Stunde durch 1 m2 Querschnittsfläche hindurchtritt, wenn entlang der Diffusionsstrecke von 1 m ein Dampfdruckgefälle von 1 Pa herrscht.

(3.13)

(3.14)

3.7.2 Dampfdiffusion durch Baustoffe

In Analogie zur Dampfdiffusion in der Luft lassen sich auch für dampfdurchlässige Stoffe – trotz Kompliziertheit der Wassertransportmechanismen (Verdunstung/Kondensation in Poren, Kapillarleitung in vollen Poren etc.) – Dampfleitfähigkeiten δ bestimmen. Diese experimentell bestimmten Grössen sind in der Regel sowohl von der Temperatur wie auch vom Feuchtigkeitsgehalt abhängig (vgl. Anhang 9.11).

Diese Diffusionswiderstandszahl µ gibt an, wievielmal grösser der Dampfdiffusionswiderstand eines Stoffes ist als der entsprechende Kennwert einer gleich dicken Luftschicht bei gleicher Temperatur.

Für Luftschichten ist µ = 1, für Baustoffe ist µ > 1: Stahlbeton 70–150, Holz 20–40, Gips 5–10, Steinwollplatten 1–2, Schaumglas ∞, PVC-Folien 20’000–50’000, PE-Folien ca. 100’000.

Das Verhältnis der Dampfleitfähigkeit δa der Luft zur Dampfleitfähigkeit δ eines Baustoffes wird als Diffusionswiderstandszahl µ bezeichnet.

Das Produkt µ · d für eine Baustoffschicht der Dicke d entspricht der sogenannten « diffusionsäquivalenten Luftschichtdicke sd », d. h. der Dicke einer Luftschicht, die den gleichen Diffusionsdurchlasswiderstand wie die betrachtete Materialschicht aufweisen würde.

(3.15)

3.7.3 Analogie Wärmetransport – Feuchtetransport ➙ Dampfdiffusion durch Baukonstruktionen

Eine Schichtenfolge dampfdurchlässiger Baustoffe, z. B. eine Gebäudewand, trennt in der Regel zwei Luftmassen unterschiedlicher Temperatur und unterschiedlicher relativer Luftfeuchte. Damit liegt normalerweise ein Konzentrationsgefälle für den Wasserdampf vor, das einen Diffusionsstrom durch die Wandkonstruktion auslöst. Da Dampfdiffusion und Wärmeleitung formal ähnlichen Gesetzen gehorchen, kann der Dampfdurchgang durch eine Wandkonstruktion in analoger Weise wie der Wärmedurchgang behandelt werden.

Dampfdurchgang durch eine Schicht:

(3.16)

Dampfübergang an der Oberfläche:

(3.17)

Für eine mehrschichtige Wand ergibt sich unter Annahme, dass keine Kondensatbildung im Innern der Konstruktion stattfindet:

(3.18)

Mit Hilfe der Diffusionswiderstandszahl µ (vgl. Kap. 3.7.2) lässt sich der Wasserdampfdurchlasswiderstand einer Schicht wie folgt ausdrücken:

(3.19)

In der Tabelle 3.11 sind die Symbole, Bezeichnungen und Einheiten der Einflussgrössen zum Wärme- und Feuchtetransport einander gegenübergestellt.

Der Wasserdampfübergangskoeffizient β ist meist so gross bzw. 1/β so klein, dass sie bei Diffusionsberechnungen im Allgemeinen vernachlässigt werden können:

(3.20)

3.7.4 Nachweisverfahren

Kernkondensatleistung und Austrocknungsleistung nach Glaser [3.15]

Aufgrund der Wasserdampfdiffusion stellt sich im Innern einer Baustoffschicht ein Dampfdruck pv, eff(x) ein, entsprechend dem Feuchtegradienten Innen/Aussen und dem Temperaturgefälle. Kommt innerhalb der Konstruktion an einer Stelle x der sich aufgrund der Dampfdruckgeraden pv, rechts pv, links einstellende Wasserdampfdruck pv(x) höher zu liegen als der der lokalen Wandtemperatur θ(x) entsprechende Sättigungsdampfdruck psat(θ(x)), so muss Wasser durch Kondensation ausgefällt werden.

Es ist daher für Baukonstruktionen, die Räume unterschiedlicher Luftzustände trennen, Folgendes zu überprüfen/zu beurteilen:

  • mögliche Kondensatausscheidung aufgrund der Wasserdampfdiffusion in der Konstruktion,
  • Ort oder Zone der Kondensatausscheidung,
  • Aggregatszustand des Kondensats,
  • kondensierende Wassermenge,
  • Platzverhältnisse (freier Porenraum) für aufzunehmendes Kondensat,
  • mögliche Austrocknungsmenge,
  • Einfluss der Durchfeuchtung (Verschlechterung der Wärmeleitfähigkeit λ, Aufquellen/Absprengen, Korrosionsgefahr, Verrottung etc.).

Der Sättigungsdampfdruck stellt eine obere Grenze des möglichen Dampfdruckes dar. Im Falle von Kondensation wird daher der Verlauf der Dampfdruckgeraden pv, rechts pv, links gestört. In der Kondensationszone verläuft der Dampfdruck entlang der Sättigungslinie, ausserhalb dieser Zone nach den Gesetzen der Dampfdiffusion (« Dampfdruckgerade »). Daraus können sich unterschiedliche Dampfströme ergeben. Es dringt u. U. mehr Dampf ein als austritt. Diese Differenz führt zu einer Ansammlung von Wasser in der Kondensationszone.

a) homogene Wand

Während der Kondensationsperiode führen Temperatur und Feuchtigkeit innen resp. aussen im Allgemeinen dazu, dass über der Wandkonstruktion ein Partialdruckgefälle herrscht, das Wasserdampf aus dem Gebäudeinnern durch die Wand diffundieren lässt.

Auf der Basis von Standard- wie nutzerrelevanten Dimensionierungsklimaparametern wird beim «halbgrafischen» Verfahren nach Glaser (vgl. Abb. 3.16) zunächst mit Hilfe der Lufttemperaturen θi, θe die Temperaturgerade θ(x) bestimmt (vgl. dazu auch Abschnitt 2.1.5). Entsprechend θ(x) werden die lokalen Sättigungsdampfdruckwerte psat(θ(x)) aufgetragen → Kurve psat.

An den Oberflächen herrschen die Dampfdrücke pv, e = φe · psat, e ; pv, i = φi · psat, i . Überschreitet die Gerade des Partialdampfdruckes pv(x): pv, i pv, e den Kurvenzug des Sättigungsdampfdruckes psat nicht, so ist unter den angenommenen Verhältnissen nicht mit Kondensation im Bauteil zu rechnen. Schneiden sich hingegen Gerade pv(x) und Kurvenzug psat(θ(x)), so ist die Partialdruckgerade pv im Bauteil tangential, d. h. von den Oberflächenwerten pv, i und pv, e ausgehend, an die Sättigungskurve psat anzupassen. Die so erhaltenen Tangentialpunkte (psat,ce und psat,ci) auf der Sättigungskurve grenzen den Bereich ein, innerhalb dessen Kondensat erwartet werden muss. Aus den rechts und links auftretenden Dampfdruckgefällen lassen sich die Dampfmengen berechnen, die ein- resp. ausdiffundieren (vgl. Abb. 3.16):

Temperatur- und Druckverläufe für homogene, einschichtige Wand: Kondensationszustand mit Bildung einer Kondensationszone
Abbildung 3.16: Temperatur- und Druckverläufe für homogene, einschichtige Wand: Kondensationszustand mit Bildung einer Kondensationszone

(3.21)

Während der Dauer tc der Kondensationsperiode sammelt sich somit in der Kondensationszone folgende Wassermenge an:

(3.22)

Die Austrocknungsphase ist dadurch gekennzeichnet, dass im Allgemeinen bei höheren Lufttemperaturen im Kondensatbereich der Wand Sättigungsdampfdruck (φ = 100 %), in den an die Oberflächen angrenzenden Luftschichten hingegen ein niedrigerer Wasserdampfpartialdruck (φ < 100 %) herrscht. Dies führt dazu, dass kondensiertes Wasser nach beiden Seiten ausdiffundieren kann.

Temperatur- und Druckverläufe in homogener Wand: Austrocknung von Kernkondensat
Abbildung 3.17: Temperatur- und Druckverläufe in homogener Wand: Austrocknung von Kernkondensat

An den Kondensationszonengrenzen herrschen die Dampfdrücke psat,ci , psat,ce . Gegenüber den «äusseren» Dampfdrücken pv, i und pv, e ergeben sich Dampfdruckgefälle und entsprechende Dampfstromdichten gvi und gve .

(3.23)

Im Laufe der Zeit tev , während der dieser Zustand andauert, kann eine Wassermenge verdunsten von:

(3.24)

Ist während einer Jahresperiode Mev > Mc, so trocknet die Konstruktion immer wieder aus. Ist Mev < Mc, so nimmt die Durchfeuchtung im Laufe der Jahre ständig zu.

b) mehrschichtiger Wandaufbau

Bei mehrschichtigen Wänden empfiehlt sich nur die Darstellung im Widerstandsmassstab, da sich dabei Temperaturverlauf (θi θe) und Dampfdruckverlauf (pv, i →pv, e) als Gerade abbilden lassen (siehe Abb. 3.18).

Darstellung der Temperatur- und Dampfdruckverhältnisse in einer zweischaligen Wandkonstruktion: Bildung einer « Kondensationsebene »
Abbildung 3.18: Darstellung der Temperatur- und Dampfdruckverhältnisse in einer zweischaligen Wandkonstruktion: Bildung einer « Kondensationsebene »

Bei mehrschichtigen Wänden schrumpft die Kondensationszone oft, wie im Beispiel der Abb. 3.18, zu einer « Kondensationsebene » zusammen (psat,cipsat,ce):

(3.25)

Durch eine Schichtenfolge, die von der Warmseite zur Kaltseite zunehmende Wärmedurchlasswiderstände und abnehmende Dampfdurchlasswiderstände aufweist, kann in Wandkonstruktionen erreicht werden, dass warmseitig weniger Dampf eindiffundiert, als auf der kalten Seite austreten könnte (d. h., dass kein Kernkondensat auftritt).

Im Rahmen der Überprüfung des Feuchteschutzes im Hinblick auf eine mögliche, schädigende Anreicherung von Feuchte im Innern von Baukonstruktionen sind zur Feuchtebilanzierung neben der Beschreibung der physikalischen Prozesse die entsprechenden, material-, aber auch nutzungs- wie standortspezifischen Randbedingungen für einen normenkonformen Nachweis zu definieren. In Anlehnung an die Idee der Heizgradtage (über die Heizperiode aufsummierte, tägliche Temperaturdifferenzen, vgl. Abschnitt 6.2.2) wird in der SIA-Dokumentation D018 [3.8] ein vereinfachtes Nachweisverfahren speziell für inhomogene Konstruktionen mit vernachlässigbarem thermischem Widerstand kaltseitig der Kondensationsebene, die Methode der « Pascaltage » (siehe im Folgenden « vereinfachtes Verfahren »: Pascaltage) vorgestellt. Sind die vereinfachenden Randbedingungen nicht erfüllt, so ist auf die vorgängig aufgezeigte Bilanzierung nach Glaser zurückzugreifen. Beide Verfahren werden im folgenden Abschnitt noch näher umschrieben.

Aussenwärmedämmung
Abbildung 3.19: Aussenwärmedämmung (a) ↔ Innenwärmedämmung (b): Verlauf Sättigungsdampfdruckkurve (psat) und Dampfdruckabbau über den einzelnen Bauteilschichten (pv)

Im Zuge der Harmonisierung der europäischen Normen, aber auch vor dem Hintergrund einfacher, polyvalent anwendbarer Klimadatensätze dürfte sich in Zukunft in den Normen – sowohl bei der Energieverbrauchsberechnung [6.2] wie bei der Feuchtebilanzierung – die « Monatsmethode » durchsetzen [3.13].

Feuchtebilanzierung: Kondensationsperiode ←→ Austrocknungsperiode

Vereinfachte Nachweisverfahren:

– Pascaltage [3.8]

Bei der Methode der Pascaltage wird vereinfachend angenommen, dass das Temperaturgefälle kaltseitig der Kondensationsebene vernachlässigbar klein ist und somit die Temperatur an der Kondensationsebene ungefähr derjenigen der Aussenluft entspricht. Diese Methode ist nur für solche Konstruktionen geeignet, deren Kondensationsebene aufgrund der Schichtenfolge örtlich klar definierbar ist und die kaltseitig der Kondensationsebene einen geringen Wärmedurchlasswiderstand aufweisen.

Dank dieser vereinfachenden Annahmen (vgl. auch Abb. 3.22 und 3.23) werden die die Dampfströme auslösenden Druckdifferenzen nur noch durch reine Klimaparameter (Temperatur, rel. Feuchte) festgelegt, sodass ein « Aufaddieren » dieser treibenden Druckdifferenzen analog den Heizgradtagen bei der Energieverbrauchsberechnung (vgl. Abschnitt 6.2.2) möglich ist.

Beispiel einer halbgrafischen Beurteilung der Wasserdampfdiffusion in einer zweischaligen Aussenwand: Glaser-Verfahren mit Blockklima
Abbildung 3.20: Beispiel einer halbgrafischen Beurteilung der Wasserdampfdiffusion in einer zweischaligen Aussenwand: Glaser-Verfahren mit Blockklima

  • Feuchtemengenbilanzierung: Kondensationsperiode ↔ Austrocknungsperiode

Konstruktionen, die bei normalen Klimabedingungen keinen Diffusionsnachweis erfordern
Abbildung 3.21: Konstruktionen, die bei normalen Klimabedingungen keinen Diffusionsnachweis erfordern

Vergleich: « genaues » Verfahren
Abbildung 3.22: Vergleich: « genaues » Verfahren (links)/zu « vereinfachtes » Verfahren (rechts). Die Vereinfachung θ (Kondensationsebene) ≈ θe führt zu konstruktionsunabhängigen Δpv, i und Δpv, e!

Konstruktionen, für die ein vereinfachter Nachweis nach der Methode der Pascaltage möglich ist; für normale Klimabedingungen ist die Lage der Kondensationsebene, die den Bauteil in einen inneren
Abbildung 3.23: Konstruktionen, für die ein vereinfachter Nachweis nach der Methode der Pascaltage möglich ist; für normale Klimabedingungen ist die Lage der Kondensationsebene, die den Bauteil in einen inneren (sd, i) und einen äusseren (sd, e) Bereich unterteilt, klar bestimmt

An und Bn bzw. ΣΔpv, i und ΣΔpv, e können in Analogie zu den « Heizgradtagen » als « Dampfdrucktage » aufgefasst werden ( Pascaltage). Für die Dauer des Eindiffundierens von Feuchte in den Kondensationsbereich (sog. « Kondensationsperiode ») mit pvi > psat, e gilt:

Bilanzierung der Diffusionsströme für den Kondensationsbereich
Abbildung 3.24: Bilanzierung der Diffusionsströme für den Kondensationsbereich

(3.26)

Damit für ein allfällig vorhandenes Restkondensat aus der Kondensationsperiode die Austrocknung gewährleistet ist, muss für die Jahresperiode die Beziehung Mj < 0 (d. h. Mn für 365 Tage) zwingend erfüllt werden. Daraus lässt sich für das Verhältnis von sd, i zu sd, e folgende Beziehung ableiten:

(3.27)

Die Werte AK , BK in g /m und mj sind in Doku D 018 [3.8] für diskrete Innenklimazustände tabelliert.

Im Weiteren sind folgende materialspezifischen Anforderungen zu erfüllen [3.13]:

Während der Kondensationsperiode darf der Wassergehalt der gefährdeten Zone höchstens um die folgenden Beträge zunehmen:

  • für Wärmedämmstoffe im äusseren Drittel der Dämmung: max. 3 Vol.-%,
  • für Holz und Holzwerkstoffe: max. 3 Masse-%,
  • für die übrigen porösen Baustoffe mit kapillarer Feuchtigkeitstransportfähigkeit: Mc,max < 800g/m2,
  • für Warmdächer (Steildächer gemäss SIA 238 [3.14] und Flachdächer gemäss SIA 271 [3.21]): Mc,max < 20 g/m2.

Die Kondensation an einer feuchtigkeitsempfindlichen Schicht ist zu vermeiden.

In der Baustatik ist der Begriff der Sicherheit definiert, in der Bauphysik ist er jedoch noch offen. Für die Diffusionskontrolle kann eine Sicherheit durch die folgenden Annahmen erreicht werden:

  • Massgebend für das Aussenklima ist eine kalte Periode, die nur selten auftritt; für die Auswahl wurden die Jahre 1950 bis 1970 berücksichtigt.
  • Die zulässige Kondensatmenge kann niedrig angesetzt werden (z. B. maximal einige Vol.-% des gefährdeten Baustoffes).
  • Die der Kontrolle zugrunde gelegte Raumluftfeuchte kann höher als vorgesehen gewählt werden.
  • Für die Berechnung des Diffusionswiderstandes sd, j = µj · dj sind ungünstige Diffusionswiderstandszahlen µj der Baustoffe einzusetzen: hohes µ der äusseren Schichten für sd,  e , niedrigeres µ der inneren Schichten für sd, i .

Bei allen bauphysikalischen Entscheidungen gilt (und das darf auch hier nicht vergessen werden), dass Rechnungen allein nicht genügen, sondern nur Grundlagen sein können für verantwortungsbewusstes Konstruieren.

– Glaser-Verfahren mit effektiven Klimadaten

Für Konstruktionen, deren Kondensationsebene nicht zum vorneherein klar bezeichnet werden kann, oder für Standorte, deren Feuchtedaten nicht als « Pascaltage » aufbereitet sind, ist auf das halbgrafische Verfahren nach Glaser [3.15] zurückzugreifen. Im Gegensatz aber zu den bis 1988 (vgl. alte Norm SIA 180 (1970)) verwendeten, stark vereinfachten, aber relativ « scharfen » Klimarandbedingungen (Blockklima: Kondensationsperiode 60 Tage mit: θe = –10 °C, φe = 80 %; θi = 20 °C, φi = 50 % und Austrocknungsperiode 90 Tage mit: θa = θi = 12 °C, φe = φi = 70 %, vgl. Abb. 3.20) ist gemäss aktueller Norm [3.14, 3.26] das tatsächliche Aussenklima am Standort anhand von entsprechenden Häufigkeitsverteilungen von Temperatur und Feuchte (vgl. Klimadatensätze, Anhang 9.15) zu berücksichtigen (→ Bilanzierung für die einzelnen Temperaturklassen). Diese Aussage gilt sinngemäss auch für das Innenklima: Während der Kondensationsperiode mit tiefen Aussenlufttemperaturen treten Innenfeuchten über 50 % nur bei extremer Feuchtebelastung (z. B. Luftbefeuchter, Feuchträume) oder bei ungenügendem Luftaustausch (z. B. dichte Gebäudehülle, ungenügendes Lüften) auf. In den Übergangszeiten können hingegen je nach Aussenklima, Luftaustausch und Feuchtebelastung Innenfeuchten von bis zu (60–70) % auftreten (Notwendigkeit einer integralen Feuchtebilanzierung!). Da während der Austrocknungsperiode in nicht klimatisierten Räumen keine Entfeuchtung stattfindet und aufgrund der warmen Jahreszeit sowieso mit erhöhtem Aussenluftwechsel zu rechnen ist, ist es sinnvoll, in dieser Periode den Feuchtegehalt der Raumluft dem der Aussenluft gleichzusetzen, sobald letzterer höher liegt als 20 °C/50 %.

Für erste grobe Handrechnungen lässt sich die aufwendige Bilanzierung über die Temperaturklassen – unter Zuhilfenahme vereinfachender Annahmen – kürzen. Die dabei zu bestimmenden Grössen bzw. die notwendigen Arbeitsschritte lassen sich kurz wie folgt zusammenfassen:

  1. Grenz-Aussenlufttemperatur θe, GrK/A für den Übergang Kondensations- ↔ Austrocknungsperiode
  2. Gewichtete mittlere Lufttemperaturen und mittlere relative Feuchten (sowohl innen wie aussen): → Kondensationsperiode: alle Tage mit θe, j < θe, GrK/A → ΔtK mit , und , → Austrocknungsperiode: alle Tage mit θe, j > θe, GrK/A → ΔtA mit , und ,
  3. Kondensatwassermenge bzw. Austrocknungskapazität nach halbgraphischer Glaser-Methode mit Hilfe der neu gebildeten, gemittelten « Blockklimata »
(3.28)

Kommentar zu den Methoden der Dampfdiffusionsberechnung

Man muss sich bei den aufgezeigten rechnerischen Nachweismethoden bewusst sein, dass die der Berechnung zugrunde gelegten Voraussetzungen stark vereinfacht sind. Die Zusammenhänge zur Beschreibung des kombinierten Wärme-/Feuchtetransportes in Baukonstruktionen sind komplex und erfordern einen grossen Rechen- und Materialdatenaufwand. Die Praxis ist jedoch auf einfache Methoden angewiesen, die eine akzeptable Sicherheit aufweisen (vgl. auch Abb. 3.25).

Entscheidungsraster für das Vorgehen bei Diffusionsnachweisen nach SIA 180
Abbildung 3.25: Entscheidungsraster für das Vorgehen bei Diffusionsnachweisen nach SIA 180 [3.13]

Es sei z. B. auf folgende vereinfachende Annahmen hingewiesen:

  • Rechnung nur für stationäre Zustände, d. h. thermisch-hygrisches Gleichgewicht, keine Speichereffekte, – Vernachlässigung anderer Transportmechanismen wie kapillarer Wassertransport usw.,
  • Vernachlässigung von Wärmeein- und Wärmeabstrahlungsvorgängen (u. a. Sonne!),
  • Vernachlässigung der Dampfübertragungsphänomene an den Grenzflächen Bauteil – Luft,
  • feuchteunabhängige Transportkoeffizienten (λ– sowie δ-Werte).

Die Kondensation im Wandinnern infolge Wasserdampfdiffusion ist deutlich von einem möglichen Wassereintrag infolge Luftströmung im Temperaturgefälle durch undichte Stellen in der Wandkonstruktion (Ritzen, Fugen, u. U. Risse in Dampfsperren) zu unterscheiden. Bei dieser Art Kondensation (« Wasserdampf-Konvektion »), bei der die mit dem Luftstrom mitgeschleppte Feuchtigkeit in kälteren Wandbereichen abgeschieden werden kann, können weitaus grössere Wassermengen anfallen als bei Kondensation infolge Dampfdiffusion (z. B. bei luftundichten Steildachkonstruktionen).

3.7.5 Dampfbremsen/Dampfsperren

Dampfbremsen/Dampfsperren sind dünne Baustoffschichten mit hohem Dampfdiffusionswiderstand, aber vernachlässigbarem Wärmedurchlasswiderstand (dampfbremsend: sd > 1,3 m, dampfsperrend sd > 130 m). Sie werden eingesetzt, um den Dampfstrom zu reduzieren bzw. um unerwünscht grosse Kernkondensatmengen zu verringern. Die folgenden Bilder verdeutlichen die Wirkung einer dampfbremsenden bzw. dampfsperrenden Schicht, indem diese warmseitig der zu erwartenden Kondensationszone einen zusätzlichen Widerstand aufbaut, der u. U. sogar dazu führen kann, dass unter den gegebenen Klimarandbedingungen die Bildung von Kernkondensat vermieden wird (vgl. Abb. 3.26).

Bei der Anordnung mehrerer, den Dampfstrom behindernden Schichten (z. B. Dampfsperre und Wassersperre) ist das Verhältnis der Widerstände wichtig, wie es in Abbildung 3.27 am Beispiel Flachdach aufgezeigt wird. Vernachlässigt man den Dampfdurchlasswiderstand der Wärmedämm- und Tragschicht gegenüber der Wirkung von Dampf- und Wassersperre, so folgt der Dampfdruck einer Treppenkurve. Der Dampfdruck zwischen den beiden « Dampfsperren » ergibt sich zu:

Wirkung einer dampfbremsenden Schicht: Durch Vergrösserung des warmseitigen Dampfdurchlasswiderstandes reduziert sich die Steigung der Dampfdruckgeraden für den eindiffundierenden Dampfstrom u. U. derart stark, dass keine Kondensationsebene mehr auftritt.
Abbildung 3.26: Wirkung einer dampfbremsenden Schicht: Durch Vergrösserung des warmseitigen Dampfdurchlasswiderstandes reduziert sich die Steigung der Dampfdruckgeraden für den eindiffundierenden Dampfstrom u. U. derart stark, dass keine Kondensationsebene mehr auftritt.

(3.29)

Ist der Widerstand der Wassersperre WS (Dachhaut bzw. Regenhaut) grösser als derjenige der Dampfsperre DS, so folgt der Dampfdruck der Linie 1, d. h., es tritt Kondensation in der Wärmedämmschicht ein. Um Kondensation zu vermeiden, muss die Dampfsperre DS wesentlich dichter sein als die Wassersperre (Linie 2), eine Forderung, die in der Praxis oft nicht erfüllt wird.

Korrekte Schichtenfolge zur Vermeidung von Kondensatschäden: dampfbremsende Schicht
Abbildung 3.27: Korrekte Schichtenfolge zur Vermeidung von Kondensatschäden: dampfbremsende Schicht (Dampfsperre) und wassersperrende Schicht (Abdichtung) im Wechselspiel bei einem Flachdach (Warmdach)

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2018-09-24T15:44:10+00:00
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